Liebe Familie Scheibenzuber,

 

unser Einstein wird jetzt 1 Jahr alt und wir möchten uns auf diesem Wege ganz herzlich bei Ihnen für diesen tollen Hund bedanken. Einstein leistet bei uns sehr gute Arbeit und wir haben es noch keine Sekunde bereut, ihn zu uns geholt zu haben.

Wie ich Ihnen versprochen habe, werde ich etwas über Einsteins Arbeit bei uns schreiben und im Anhang noch ein paar unserer schönsten Fotos mit senden. Die Auswahl fällt schwer, da wir bereits hunderte von Fotos gemacht haben und jedes Foto für sich spricht.

 

 

So und nun zu Einsteins Aufgaben bei uns:

 

Wir sind eine fast normale Familie mit drei Kindern, fast normal deshalb, weil unser ältester Sohn Dominik (12 Jahre alt) an ADHS erkrankt ist. ADHS steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätssyndrom. Im Volksmund werden Kinder, die unter motorischer Unruhe, Impulsivität und Stimmungsschwankungen leiden, oft als Zappelphilipp oder Träumerchen bezeichnet.  Nach Angaben des Bundesgesundheitsamtes sind drei bis zehn Prozent aller Schulkinder davon betroffen, vor allem Jungen. Ursache des ADHS ist wohl ein genetischer Defekt. Er ruft eine Regulierungsstörung zwischen Stirnhirn und Bereichen des Zwischenhirns hervor, in denen Aufmerksamkeit, Emotionen und zum Teil Bewegungen gesteuert werden. ADHS-Kinder können medikamentös behandelt werden. Die Therapie, z.B. mit Ritalin, ist wegen starker Nebenwirkungen trotz langjähriger positiver Erfahrung allerdings umstritten.

Die Krankheit tritt häufig in Kombination mit Lese- oder Rechenschwäche oder, wie bei Dominik mit außergewöhnlicher Intelligenz auf.

Unser Dominik war schon als Baby auffällig, ein so genanntes „Schreibaby“. Er schlief sehr wenig und war ständig unruhig. Ihn interessierten keine Babyspielsachen – er liebte es schon als Kleinkind, technische Dinge zu zerlegen. Mit anderen Kindergartenkindern konnte er nie etwas anfangen, sie waren ihm zu „blöd“, wie er sich immer ausdrückte. Dominik fing sehr früh mit dem Sprechen an und war den ganzen Tag nicht zu bremsen. Er liebte Bücher und löcherte mit tausend Fragen. Alles wollte er bis ins letzte Detail wissen. Er kannte keine Pause, von früh morgens bis spät abends. Ständig fielen ihm neue Dinge ein, er konnte zwei oder drei Sachen gleichzeitig  machen, doch Ordnung oder gezieltes Ausführen einer Aufgabe, z.B. sich am Morgen anzuziehen waren für ihn unmöglich. Er flippte öfter am Tag aus, für uns oft ohne erkennbaren Grund. Das Zusammenleben mit ihm kostete alle Beteiligte oft die letzten Nerven. Doch für mich war das Schlimmste, dass ich nicht wusste, was mit meinem Kind los ist. Nach besonders chaotischen Tagen saß unser Dreijähriger abends oft weinend im Bett und sagte zu mir: „Mama, ich will doch auch lieb sein, wie die anderen Kinder, aber ich weiß nicht, warum ich es nicht kann!“  Diese Momente waren für mich als Mutter furchtbar.

Als Dominik fünf Jahre alt war hörten wir durch Zufall von einer Psychotherapeutin, die sich mit solchen Problemkindern beschäftigt. Nach einer langen Diagnoseeinheit endlich das Ergebnis: Dominik hat ADHS im Hochformat, wie sich die Therapeutin ausdrückte, mit der zusätzlichen Belastung Höchstbegabung. Das Leben mit Dominik wird bis zu seinem „Erwachsenwerden“ recht anstrengend und kräftezehrend verlaufen, dann würde das Gehirn noch mal „nachreifen“ und die Auffälligkeiten würden verschwinden, oder zumindest deutlich nachlassen. Bis dahin müsste er aber durch Medikamente und Therapien begleitet werden, die es ihm ermöglichen, sein Leben zu meistern.

Wir haben beschlossen, ihn medikamentös behandeln zu lassen, mit allen Nebenwirkungen, weil Dominik sonst trotz seiner Hochbegabung nicht in der Lage gewesen wäre, eine normale Schule zu besuchen. Er konnte nicht stillsitzen, fiel ständig vom Stuhl, plapperte dazwischen und flippte aus, wenn ihn einer störte. Durch die Medikamente und das Verständnis  der Lehrerin in Klasse 1 und 2 wurde der Schulalltag nicht zum Alptraum. In Klasse 3 wurde er zusehends unruhiger, weil er sich unterfordert fühlte, wir beschlossen, ihn eine Klasse überspringen zu lassen.

Dominik kam dann mit neun Jahren auf ein Gymnasium in eine Klasse, deren Schüler natürlich deutlich größer und mindestens zwei Jahre älter waren als er. Zunächst ging es gut, denn seine Mitschüler hielten ihn für ein cleveres Kerlchen. Er war leistungsmäßig vorne dran und fühlte sich auch ganz gut. Bis eines Tages eine Mathearbeit mit der Note 5-6 zurückkam. Kommentar vom Lehrer: Ergebnisse zwar richtig, doch Rechenwege (die unser Dominik benutzte) so noch nicht erforderlich, das wäre Stand Klasse 7-8.

Kinder mit ADHS können solche „Ungerechtigkeiten“ überhaupt nicht akzeptieren und als sich der Lehrer auch bei einem Elterngespräch nicht aufklären ließ, fing Dominik an, ihm im Unterricht tausend schwierige Fragen zu stellen. Der Lehrer konnte mit seiner Hilflosigkeit nicht umgehen und fing an, Dominik Fallen zu stellen. Als dann die Mitschüler merkten, dass Dominik einknickte, ging der reinste Alptraum los. Er wurde zuerst gehänselt, in Schränke gesperrt und über Flure gezogen – bis er vom Schulrektor einen Bodyguard aus der 11. Klasse bekam. Dann kam der Psychoterror hinzu. Dominik wurde immer verschlossener, weinte viel, verlor rapide an Körpergewicht und bekam tiefschwarze Augenringe und Migräneanfälle. Auf dem Nachhauseweg wurde er verprügelt und als ich ihn eines Tages grün und blau unter der Dusche entdeckt habe und mich sofort mit der Schulleitung in Verbindung setzte, brach für Dominik eine Welt zusammen. Er wollte doch nur ein ganz normaler Junge sein – keiner verstand ihn. Deshalb beschloss er, sein kurzes Leben zu beenden, damals war er neun Jahre als und ein Wrack.

Wir konnten ihn gerade noch vor dieser Dummheit bewahren und nahmen ihn sofort aus der Schule, er wurde für unbegrenzte Zeit krankgeschrieben. Nach einer kurzen Erholungsphase fuhr er dann jeden Tag ca. 3 Std. mit dem Zug zur Mini-Notschule. Das ist eine Noteinrichtung einer Psychotherapeutin für solche Kinder. Dort lernen die Kinder wieder Mut zu fassen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und mit ihrem Anderssein umzugehen. In der Anfangszeit, als es Dominik noch sehr schlecht ging, half ihm die „Klassenhündin“ namens Paula. Sie war immer mit im Klassenzimmer und wenn er sich sehr schlecht fühlte, holte er sich Streicheleinheiten bei Paula ab.

Zuhause versuchten wir so gut es ging, mit allem fertig zu werden. Dominik war hoch aggressiv und konnte nichts wegstecken. Die ganze Familie litt unter seinen Ausbrüchen. Erst ganz langsam schien er sich zu erholen. Er fing an, über sein Innerstes zu reden und erklärte uns, was in ihm vorging. Ganz langsam begannen wir zu verstehen, was in diesen Kindern vorgeht, dass sie in einer anderen Welt leben und es für sie fast unmöglich ist, sich unseren Anforderungen zu stellen oder sie zu erfüllen.

Nachdem wir den positiven Einfluss der Spezialschule und des Therapiehundes Paula bemerkten, beschlossen wir, uns auch einen Hund anzuschaffen.

Tja, und somit kommt Einstein ins Spiel. Die Überraschung auf dem Gesicht unserer Kinder werden wir nie wieder vergessen, als sie bei unserem Besuch bei ihnen begriffen haben, dass wir ab sofort Hundebesitzer sind.

Wir haben unseren Einstein am 5. Januar 2006 bei ihnen angeholt und mit unseren Kindern passierte unglaubliches. Dominik wurde zusehends ruhiger und umgänglicher, seine Ausraster verschwanden fast komplett. Er wurde offener, seine Migräneanfälle verschwanden, er nahm zu und sieht seither aus wie ein gesundes Kind. Die Veränderung fällt allen auf, die uns kennen und jeder freut sich mit ihm. Wenn es unserem Sohn schlecht geht, dann fängt er an, mit Einstein zu schmusen und sich seinen ganzen Frust von der Seele zu streicheln. Die Wirkung überrascht mich jedes Mal. Einstein bleibt dann ganz ruhig und nach einer Weile beginnt er Dominik abzuschlecken, so als wollte er sagen, jetzt ist alles wieder okay. Anschließend wird getobt und der komplette Frust ausgepowert.

Auch unsere anderen Kinder profitieren von Einstein. Unser Simon war immer ein sehr ruhiges und schüchternes Kind, der nie jemanden angesprochen hat und meist erschrocken zusammenfuhr, wenn man ihn ansprach. Schon beim ersten Besuch im Dezember bei ihnen war er nicht wieder zu erkennen. Unser Einstein lockt ihn ständig aus der Reserve. Beim letzten Elternabend sprachen mich sogar die Lehrer auf Simons neues Verhalten an. Er ist zu einem munteren, fröhlichen Kind geworden.

Unsere Kleinste benutzt Einstein als Schmusebär und er lässt sich von ihr auch alles gefallen. Er befolgt sogar die unmöglichsten Anweisungen.

Einstein ist ein klasse Hund und wir können nicht genug Danke sagen. Ich denke dass er spürt, wie sehr wir ihn lieben und brauchen und dass er bei uns mehr als nur gute Arbeit leistet.

Doch das Beste zum Schluss: Wir hatten unseren Einstein ca. 4 Wochen, kam Dominik plötzlich zu mir uns sagte, er habe beschlossen wieder auf ein normales Gymnasium zu gehen. (Dieses Thema war bis Weihnachten überhaupt nicht ansprechbar, weil er Panik bekam, bei der Vorstellung wieder auf eine normale Schule zu müssen). Wir waren so platt und erfreut zu sehen, dass er den Weg zurück zur Normalität wieder geschafft hat, deshalb halfen wir ihm gerne, eine geeignete Schule zu finden. Dominik geht jetzt auf ein privates Gymnasium, alle Lehrer dort sind über sein Krankheitsbild informiert und die Schule hat bereits mehrere solche Kinder aufgenommen. Es ist einfach verblüffend zu sehen, was aus einem Kind werden kann, wenn es auf das richtige Lernumfeld trifft.

Wir sind gespannt was die Zukunft noch für uns parat hat, aber für  „Kinderprobleme“ haben wir die beste Therapie, die es geben kann  - EINSTEIN.

 

Vielen Dank für alles, auch für die netten Telefonate.

 

Ihre Familie O.

 

PS. Habe bei unserem Kinderarzt einen interessanten Artikel über allergenarme Labradore gelesen. Den Artikel finden sie unter www.kinderjugendarzt-armann.de  und dort unter downloads. Ist bestimmt interessant für sie.